10 Jahre RestEssBar – ein Jahrzehnt gegen Lebensmittelverschwendung

Für die Oltner Neujahrsblätter 2026 durften wir einen Artikel zur RestEssBar Olten und ihrer Erfolgsgeschichte schreiben. Hier kannst du die ungekürzte Version nachlesen.

Vom offenen Kühlschrank zum Ort mit Ausgabe der geretteten Lebensmittel, von der Rosengasse an die Gösgerstrasse, von drei Läden auf über ein Dutzend, von zwei Handvoll initiativer Menschen zu einem rund 75-köpfigen Team: In den zehn Jahren, seit es die RestEssBar Olten gibt, hat sich das Projekt enorm entwickelt. Ein Blick darauf lohnt sich also.

In Rekordzeit ins Leben gerufen

Die RestEssBar Olten möchte verhindern, dass noch geniessbare Lebensmittel im Abfall landen. Darum sammelt sie diese ein und gibt sie kostenlos ab. Das ist die kurze Geschichte. Die lange geht so:

«Was möchten wir mit unserer Ernte machen?» Dies fragte sich die Gruppe befreundeter Menschen, die seit Anfang 2015 bei der Oltner Trottermatte Gemüse und Kräuter in Hochbeeten heranzogen und nach und nach ernten konnte. Im August desselben Jahres ergab sich aus dem Projekt «Garten für alle» als Antwort auf diese Frage das «Essen für alle», ein Buffet voller feiner Sachen, deren Zutaten zuvor gemeinsam gerüstet, gekocht und abgeschmeckt wurden, und wovon anschliessend die Besuchenden im Begegnungszentrum Cultibo essen konnten (ein monatlicher Anlass übrigens, den es mit neuen Gesichtern, aber sonst nicht gross verändert auch heute noch gibt). Einen Teil der gebrauchten Lebensmittel bekam die Gruppe von verschiedenen Oltner Geschäften spendiert. Und so war wenig später auch die Idee für ein regelmässigeres Retten von im Handel überschüssigen Lebensmitteln geboren, wofür sich schnell auch weitere begeistern konnten. Nach dem Vorbild der Foodsave-Initiative in Winterthur, die 2014 die erste RestEssBar der Schweiz gegründet hatte, riefen sie die Oltner Variante ins Leben. Nach nur wenigen Treffen, einigen Mails, Kontakt mit möglichen Geschäften, Absprachen mit dem Lebensmittelinspektorat, Ausarbeitung der nötigen Dokumente, dem Suchen und glücklicherweise Finden eines Standortes, der Beschaffung des Mobiliars und sonstigen Materials eröffnete das Gründungsteam am 18. Dezember 2015 an der Rosengasse 16 die RestEssBar Olten. Von der ersten Sitzung im Magazin bis zum Start war nur gerade ein Monat vergangen.

Die RestEssBar Olten in ihren Anfangszeiten – 2018 an der Rosengasse 16 (fotografiert von Anna-Lena Holm)

Die RestEssBar als Teil von «Olten im Wandel»

Zur RestEssBar, dem «Garten für alle» und «Essen für alle» gesellten sich Ende 2015 die schon bestehenden Projekte «Refugees welcome», «Wie wir leben wollen», «Donnerstag in Olten» und «Repair Café» mit dem gemeinsamen Ziel, in Olten etwas zu bewegen. Im Dezember vor zehn Jahren entstand so an einem Küchentisch in der Rosengasse der Verein «Olten im Wandel». «Olten im Wandel» betrachtet sich als Nährboden für eine Vielfalt von Initiativen. Gemeinsam engagieren sie sich für ökologisch, wirtschaftlich und sozial nachhaltige, kreative und freudige Lebensweisen. Ein paar der Initiativen haben sich in den zehn Jahren verabschiedet, dafür sind neue hinzugekommen. Zu den aktiven gehören neben der RestEssBar diese Projekte:

  • Cargovelo-Verleih
  • Essen für alle
  • Garten für alle
  • Repair Café
  • Veloschwarm/-demo
  • ZeitTauschMarkt

Erfreulicherweise hat die Initiative in Olten auch andere Menschen im Kanton dazu motiviert, ein Foodsave-Projekt auf die Beine zu stellen. Unterdessen gibt es hier so viele RestEssBars wie sonst nirgends in der Schweiz – neben Olten in Oensingen, Solothurn, Grenchen und Gretzenbach.Und auch Standorte in den Nachbarkantonen konnten mit Hilfe aus Olten und vom Schweizer Dachverband entstehen.

Das Manifest der RestEssBars
Wer wie in Olten eine RestEssBar betreiben will, muss sich an bestimmte Prinzipien halten. Allen RestEssBars gemeinsam ist das Manifest mit diesen Punkten:

Gratis für alle
Zugänglich für alle
Nonprofit
Konfessionell unabhängig
Parteipolitisch unabhängig
Einhaltung der Hygiene- und Gesundheitsstandards

Knabbersoja und Topinambursaft an der Rosengasse

Um die acht Engagierte waren es zu Beginn, die jeweils bei drei Geschäften kurz vor Ladenschluss die nicht verkauften und immer noch geniessbaren Lebensmittel abholten und zur Rosengasse 16 brachten. Dort wurden die Lebensmittel im Vorgarten in frei zugänglichen Schränken und Kühlschränken angeboten, zuerst rund um die Uhr, nach einer gewissen Zeit mit Rücksicht auf die Nachbarschaft auf zwölf Stunden pro Tag beschränkt. Ein besonderes Highlight der ersten Jahre waren die Lebensmittel, die die RestEssBar von Somona übernehmen durfte. Während das frühere Unternehmen aus Dulliken sonst den Biofachhandel belieferte, konnte die RestEssBar bei ihm palettenweise Ware abholen, die zum Beispiel zu kurzfristig datiert war, unter anderem hochwertige Olivenöle, Knabbersoja und andere gesunde Snacks, exotische Tees, Pflanzenmilch in den verschiedensten Sorten – ein Paradies für alle mit Freude an feinen und teilweise unbekannten Sachen.
Holte das Team anfangs noch bei drei Geschäften regelmässig Ware ab, wuchs diese Zahl schon bald an. Die RestEssBar wurde in der Stadt nach und nach bekannter und so fragten Läden nach dem Interesse und der Möglichkeit, ihre nicht mehr verkäuflichen Lebensmittel der RestEssBar abzugeben. Inzwischen stehen über ein Dutzend Geschäfte in und um Olten auf der Tourenliste. Dazu gehören Brot&So in Olten und Starrkirch-Wil, Wälchli an der Baslerstrasse, der Dörfli Beck Wacker bei der Trottermatte, Hug und Spettacolo am Bahnhof, Alima im Bifang, Aldi in Olten und Oftringen, Lidl in Trimbach, die Migrolinos beim Bahnhof und Sälikreisel sowie Chlyformat im Kleinholz. Hinzu kommen ein Pastaproduzent und Landwirte aus der Region und mehrmals pro Jahr erhält die RestEssBar einige Paletten beladen mit Fruchtsäften, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald bevorsteht. Im Gegensatz dazu geben Coop und Migros in Olten noch keine Produkte ab, die bisherigen Anfragen der RestEssBar stiessen bei der nationalen Zentrale auf noch zu wenig offene Ohren. Das wird sich hoffentlich noch ändern; auch mit Unterstützung des Dachverbandes RestEssBar Schweiz wurde in anderen Fällen schon aus einigen früheren Neins ein Ja.

Umzug ins Haus nebenan

Eine Sonderleistung vollbrachte die RestEssBar Olten im Frühling 2020: Während des Lockdowns machte das Team nur einen einzigen Tag Pause. Einzelne Helfer waren aber auch dann aktiv, denn schon tags darauf ging es mit einem spontan entworfenen Plan weiter. Die Platzverhältnisse im Vorgarten der Rosengasse 16 waren in dieser Corona-Zeit etwas zu eng, so dass sich das Team kurzerhand für einen Lieferservice entschied: Engagierte brachten auf ihren Velos die eingesammelten Lebensmittel einigen Dutzend Adressen in der Stadt vorbei – auch da unentgeltlich und das während mehrerer Wochen. In den rund zwei Monaten konnten so sechs Tonnen Lebensmittel gerettet und verteilt werden.
Im selben Frühling standen bei der RestEssBar zwei längerfristige Änderungen an: Schon länger gab es Pläne, die gerettete Ware nicht mehr frei zugänglich zur Verfügung zu stellen, sondern sie im Rahmen einer betreuten Abgabe zu bestimmten Zeiten zu verteilen. So sollten die Lebensmittel geordneter und gerechter unter die Menschen gebracht und die Sauberkeit vor Ort verbessert werden sowie weniger Ruhestörungen für die Anwohnenden entstehen.
Die Kühlschränke im Vorgarten der Rosengasse 16 reichten für das neue Konzept und, davon unabhängig, für die nach und nach gestiegene Menge an geretteten Lebensmitteln nicht mehr aus; für die zwischenzeitliche Aufbewahrung der Esswaren brauchte es mindestens einen Raum. Den fand die RestEssBar gleich nebenan. Die Rosengasse Olten AG, der einige der Häuser an der Rosengasse gehören, vermietete dort der RestEssBar die nötigen Räumlichkeiten. So erfolgte im Frühling 2020 der Umzug ein Haus weiter in die Nummer 18.
Seither verteilen jeweils zwei Helfende die im Laufe des Tages gesammelten Lebensmittel gratis den vor Ort eingetroffenen Menschen, und zwar täglich gegen Abend während rund einer halben Stunde. Kurz vor der Ausgabe erhalten die Anwesenden eine immer aufs Neue zufällig zugeteilte Nummer. In der ausgelosten Reihenfolge werden dann die Lebensmittel abgegeben, wobei das verteilende Duo darauf achtet, dass niemand leer ausgeht.

Täglich eine Überraschung

Das angepasste Konzept mit der Ausgabe erlaubt es, dass auch Lebensmittel verteilt werden können, die vorher nicht weitergegeben werden konnten, zum Beispiel weil das Verfalldatum am jeweiligen Tag lag. So umfasst das Angebot mittlerweile in der Regel Brote, Brötchen und Gipfeli, Gemüse, Obst, Sandwichs, Wähen und andere salzige Backwaren sowie viele süsse Stücke, nicht selten ganze Torten. Zwischendurch befinden sich unter der geretteten Ware auch Tannenbäume und Blumensträusse. Auf Essbares bezogen rettet das Team geschätzt durchschnittlich 1 Tonne pro Woche und somit jährlich über 50 Tonnen vor dem Abfalleimer – eindrückliche und vor allem zum Nachdenken und hoffentlich Handeln anregende Zahlen.
Jeden Tag ist es eine Überraschung, was und wie viel am Abend bei der RestEssBar zusammenkommt. Die teilnehmenden Läden sind nicht dazu verpflichtet, eine gewisse Menge Lebensmittel abzugeben. Es ist sogar im Sinne der RestEssBar, wenn bis Ladenschluss möglichst alles Frische verkauft werden konnte und zum Abholen nichts mehr da ist. Denn auch wenn die übriggebliebenen Sachen gratis verteilt werden, ist die RestEssBar Olten wie an den anderen Standorten mit dem gleichen Hintergrund keine soziale Institution. Ihr Hauptbeweggrund ist ein ökologischer, nämlich der Verschwendung von Lebensmitteln entgegenzuwirken und so die damit verbundenen CO2-Emissionen zu senken. Dafür sollen möglichst viele Menschen sensibilisiert werden und so sprechen die RestEssBars mit ihrem Wirken und Angebot alle an, unabhängig von deren Einkommen und Vermögen. Dass von den Lebensmitteln viele finanziell Benachteiligte und von Armut Betroffene profitieren können, ist ein zusätzlicher Verdienst von Foodsave-Initiativen.

Foodwaste und Foodsave – das steckt hinter den Begriffen.

Foodwaste (Lebensmittelverschwendung) bedeutet, dass Essen weggeworfen wird.
Foodsave bedeutet das Retten von Lebensmitteln, die eigentlich weggeworfen würden.

Foodwaste schadet:

  • Der Umwelt – Für die Produktion werden Wasser, Energie und Fläche gebraucht. Wenn Essen im Müll landet, war all das umsonst und verursacht zusätzlich Müll und CO₂.
  • Den Kosten – Weggeworfenes Essen kostet den Produzierenden, Läden und auch Konsumierenden unnötig Geld.
  • Den Menschen – Weltweit haben viele nicht genug zu essen, während anderswo Tonnen an Lebensmitteln im Abfall landen.
  • Den Tieren – Jährlich werden etwa 77 Millionen Tonnen Fleisch weggeworfen. Für diese Verschwendung müssen mehr als 18 Milliarden Tiere sterben. 

Jede Woche gegen 100 Mal im Einsatz

Einen wichtigen sozialen Aspekt aber hat das Oltner Foodsave-Projekt: Es helfen wie sonst in kaum einer anderen RestEssBar sehr viele Menschen mit, die nicht in der Schweiz geboren wurden. Für sie ist ihr Mitwirken ein Teil der Integration und die RestEssBar ein Ort, um ihre Kenntnisse der deutschen Sprache zu üben und zu verbessern. Sie und die anderen im Team leisten zusammen pro Woche gegen 100 Einsätze mit vielen Dutzend Stunden an unbezahlter Arbeit. Der Lohn ist nebst der sinnerfüllten Tätigkeit, dass die Helfenden einen Teil der geretteten Lebensmittel selber nutzen dürfen.

Ein Teil des Teams im Sommer 2025 (fotografiert von André Albrecht)


Jeden Tag und bei jedem Wetter werden die Lebensmittel in den beteiligten Läden abgeholt – oft zu Fuss oder mit dem Velo, kaum mit dem Auto. Zusätzlich zu den Abholtouren braucht es täglich zwei Personen für die Ausgabe der Lebensmittel, zwei Mal pro Woche macht eine Helferin die Räume sauber und ebenso oft reinigt jemand die Kisten. Dazu gibt es vieles zu koordinieren, organisieren und im Hintergrund zu erledigen – das Leiten der regelmässig stattfindenden Teamsitzung, die Koordination der Einsätze, das Einführen neuer Helfenden, Kontakte mit Läden, Geben von Auskünften und Interviews, das Ausarbeiten von Leitfäden, Schreiben von Medienmitteilungen oder eines Berichts für die Oltner Neujahrsblätter.
Neben dem Engagement fürs eigene Projekt hilft die RestEssBar Olten auch immer wieder anderorts mit, zum Beispiel bei den bisherigen vier Ausgaben vom Foodsave-Bankett auf der Kirchgasse. Und anlässlich des Welternährungstages am 16. Oktober hat ebendort 2016 ein Teil des Teams Kürbissuppe gekocht und kostenlos an die vorbeiziehenden Menschen abgegeben.

Mit Glück einen neuen Ort gefunden

Eine ausserordentliche Aufgabe stand im Sommer 2022 an: der nächste und zum Glück bis heute letzte Umzug. Die Rosengasse Olten AG wollte ihre Liegenschaft am damaligen Standort der RestEssBar sanieren und dann zum Wohnen vermieten. Eine grosse Erleichterung war es, als auch dank Unterstützung des bisherigen Vermieters die neue Bleibe an der Gösgerstrasse 8 gefunden und mit der dortigen Eigentümerin, der Pallas Kliniken AG, ein Mietvertrag unterschrieben werden konnte. Zwei Räume im Gebäude direkt beim Bahnhof und so weiterhin mitten in der Stadt kann die RestEssBar seit August 2022 zwischennutzen.
Damit dies möglich wurde, engagierten sich einige Helfende auch bei der Renovation und richteten die Räume so her, dass sie in Bezug auf Mobiliar, Technik und Hygiene dem Zweck der RestEssBar entsprechen. Nur für einzelne Arbeiten mussten Fachleute herangezogen werden. Unter anderem für einen neuen Boden und die erforderlichen Elektroinstallationen war eine Investition von 6’000 Franken nötig; dank Spenden von Privatpersonen und Organisationen konnten diese Ausgaben gedeckt werden.
Damit die Lebensmittelabgabe ohne Unterbruch weitergeführt werden konnte, fand der Umzug unter laufendem Betrieb statt. Nach der letzten Ausgabe an der Rosengasse am 31. Juli wurden die Esswaren schon am nächsten Tag am neuen Ort abgegeben. Der Standort hat gewechselt, ihren Prinzipien ist die RestEssBar treu geblieben: Lebensmittel retten und wieder an die Menschen bringen, kostenlos und für alle.

Den neuen Standort konnte die RestEssBar am 1. August 2022 eröffnen.

Aktueller Standort der RestEssBar Olten
Gösgerstrasse 8

Ausgabezeiten der geretteten Lebensmittel
Montag bis Samstag 19.15 Uhr
Sonntag 18.15 Uhr

www.restessbar-olten.ch